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Die größte grüne Ratsfraktion im Kreis Viersen
25. April 2008

Idee gut - Umsetzung mangelhaft

Schüler überfordert, Eltern genervt, Lehrer frustriert, der Nachhilfemarkt boomt, über 500 Gesamtschulanmeldungen im Kreis Viersen abgelehnt. Die erste Zwischenbilanz nach der Einführung der verkürzten Gymnasialzeit (G8) in NRW sieht nicht gut aus. Grund genug für Sigrid Beer, bildungspolitische Sprecherin der grünen Landtagsfraktion beim „Grünen Donnerstag“ im Viersener Remigiushaus in den Dialog mit betroffenen Lehrern, Eltern, Schülern, Beratern und Kommunalpolitikern zu treten.

 

Philipp Gockel, Schülersprecher im Erasmus-von-Rotterdam-Gymnasium, konnte die rund 35 anwesenden Eltern beruhigen. So gestresst wie in den Medien berichtet, seien seine Mitschüler aus der Klasse 5 nicht. Unterrichtsausfall mindere den Druck, weil Lehrerstellen nicht besetzt seien. „Schwierigkeiten bereiten allerdings die zweite Fremdsprache, die mangelnde Verpflegung und die schlechte Organisation der verkürzten Gymnasialzeit“. Ähnlich sehen es die Elternpflegschaftsvorsitzende Jutta Pitzen und der Schulleiter Wolfgang Stoffel. Zwar gäbe es keinen Grund zur Panik, allerdings nerve die Reformhektik und Konzeptionslosigkeit, die die Landesregierung bei der Umsetzung der verkürzten Gymnasialzeit an den Tag legt. Stoffel: „Da gibt es gravierende handwerkliche Fehler. Lehrpläne, Stoffverteilung und Schulausstattung sind noch nicht angepasst. Es fehlt eine Mensa.“

 

Schulpsychologe Georg Viehoff sieht die Defizite nicht nur in den fehlenden Mensa: „Mangelnde Unterstützung aus dem Elternhaus und hoher gesellschaftlicher Anpassungsdruck erschweren zunehmend die Identitätsfindung der Heranwachsenden.“

 

Für Rainer Neuss, bildungspolitischer Sprecher der Viersener Grünen steht fest: „Die hohen Anmeldezahlen bei der Gesamtschule zwingen uns zum Handeln. Politik muss dem Elternwillen nachkommen.“ Neben einer Erweiterung der Gesamtschule fordert Neuss eine andere Lernkultur.

 

Ebenso die Landtagsabgeordnete Sigrid Beer: „Es geht in der Schule darum, Kompetenzen für eine eigenständige Lebensbewältigung zu entwickeln.“ Dies funktioniere nur mit individueller Förderung und einer Lernkultur ohne Druck und Angst. „Die ursprünglich rot-grüne Idee der Schulzeitverkürzung in NRW zielte auf Wahlmöglichkeiten in Klasse 11, die schwarz-gelbe Umsetzung auf Abschottung des Gymnasiums schon ab Klasse 5.“ Dass die Landesregierung jetzt die angekündigte Oberstufenreform aussetze und mit „Mogelpackungen“ wie dem 1000-Schulen-Programm und der erhöhten Bildungspauschale hektisch versucht, den Eltern- und Lehrerprotest aufzufangen, verstärke die desaströse Umsetzung einer an sich guten Idee. So auch Wolfgang Stoffel: „Schließlich wird die zwölfjährige Schulzeit in anderen europäischen Ländern oder auch in Thüringen wesentlich besser als Nordrhein-Westfalen umgesetzt.“ Mit einem Hinweis auf die berufsbildenden Schulen macht Reiner Neuss deutlich, dass es auch attraktive Wege zum Abitur außerhalb des Gymnasiums gibt.

 

Offenbar veranlassten der Glockenschlag der Remigiuskirche und der am Abend mehrfach erwähnte „G8-Stress der nervösen Mittelschicht“ den grünen Kreisvorsitzenden und Moderator Manfred Böttcher am Ende der zweistündigen Diskussion zu einer tröstenden jedoch nicht beweisbaren Vermutung: „Gott ist zwar allwissend, aber er hat kein Abitur“.

24. April 2008

Total gestresst ins Turboabitur“ - Welche Zukunft hat das G8-Gymnasium?

Sigrid Beer

Schüler überfordert, Eltern genervt, Lehrer frustriert, der Nachhilfemarkt boomt, über 500 Gesamtschulanmeldungen im Kreis Viersen abgelehnt. Die erste Zwischenbilanz nach der Einführung der verkürzten Gymnasialzeit in NRW sieht nicht gut aus.

 

Warum klappt es mit dem G8-Abitur im Osten  Deutschlands? Was läuft im Westen anders? Sind die Klassen 5 bis 9 mit zu viel Unterrichtsstoff belastet? Sind die 265 Wochenstunden in acht Jahren zuviel oder gar zu wenig? Was unterscheidet die von Rot-Grün geplante Schulzeitverkürzung vom jetzt verankerten G8? Brauchen wir Ganztagsgymnasien oder soll der Samstagsunterricht wieder eingeführt werden? Wem dient G8? Wird der Wettbewerb verschärft, wird die soziale Spaltung vertieft oder werden Langsamlerner besonders gefördert? Macht das Turbogymnasium krank? Verlieren die Kinder ihre Kindheit? Länger gemeinsam lernen? Wie geht die Landesregierung mit der schulpolitischen Kritik um? Was müssen wir überhaupt wissen, um im Leben zu bestehen? Ist es an der Zeit Lehrpläne zu entrümpeln? Fehlt es an Mut, neue zeitgemäße Lerninhalte zu definieren? Was gehört zum Bildungskanon und wer entscheidet darüber? Brauchen wir eine andere Lernkultur? Welche Alternativen gibt es zum Turbo-Gymnasium?

 Der „Grüne Donnerstag“ lädt Schüler(innen),  Eltern, Lehrkräfte zu einem Gespräch über das G8-Turbo-Abitur und die Zukunft des schulischen Lernens ein.

  • Sigrid Beer (MdL, schulpolitische Sprecherin der grünen NRW- Landtagsfraktion)
  • Philipp Gockel (Schülersprecher des Easmus-von-Rotterdam Gymnasiums Viersen)
  •  Reiner Neuss (schulpolitischer Sprecher der grünen Fraktion Stadt Viersen)
  • Jutta Pitzen (Katholische Elternschaft Deutschlands - Bistum Aachen)
  • Wolfgang Stoffel (Direktor des Erasmus-von -Rotterdam-Gymnasiums Viersen)
  • Georg Viehoff (Schulpsychologe)